Die Buchbesprechungen der "vorwärts"-Kulturredaktion
Wir stellen Ihnen in diesem Kapitel neue Bücher vor und dürfen dazu dankenswerterweise auf die Rezensionen der "vorwärts"-Redaktion zugreifen.
Ihnen, unseren Leserinnen und Lesern, eröffnet sich dadurch ein weites Spektrum unterschiedlicher Autorinnen und Autoren, deren Bücher von bekannten Journalistinnen und Journalisten sowie bekannten Persönlichkeiten besprochen werden.
Außerdem können Sie mit unserem Link direkt auf die Kulturseite des "vorwärts" und die Rezensionsliste aller beurteilten Bücher zugreifen.
Der Querdenker kommt nach Rheinstetten: Dr. Erhard Eppler und sein neues Buch "Eine solidarische Leistungsgesellschaft"
Am 20. Januar 2012 wollte Dr. Erhard Eppler nach Rheinstetten kommen, um auf der KiR-Bühne sein neues Buch "Eine solidarische Leistungsgesellschaft" vorzustellen. Leider ist er erkrankt. Deshalb musste der Termin verlegt werden.
Der Ersatztermin wird voraussichtlich im Juni 2012 sein. Näheres geben wir demnächst bekannt!!
Nicht nur deshalb, sondern auch weil es ein überaus lesenswertes Buch über das Zusammenleben und Funktionieren unserer Gesellschaft ist, wollen wir es Ihnen heute vorstellen:
Im Würgegriff der Märkte
Erhard Eppler fordert einen neuen Gesellschaftsvertrag. Schon der Untertitel zeigt den Zorn, mit dem er in die Tasten seiner alten Schreibmaschine griff: „Epochenwechsel nach der Blamage der Marktradikalen“.
Auf 135 Seiten schildert Erhard Eppler wie nach der Ölkrise 1973 zunächst die Nachdenklichen Gehör fanden, die für schonenden Umgang mit den Ressourcen plädierten und das ständige Schielen nach Wachstumsraten in Frage stellten. Wie sich dann die Marktradikalen der Staaten bemächtigten mit der Folge: Die Reichen wurden immer reicher, die Staaten immer ärmer, bis sie ihre Hauptaufgabe – nämlich Daseinsfürsorge für ihre Bürger – kaum noch erfüllen konnten. Eppler spricht vom „Aushungern des Staates durch permanente Steuersenkung“.
Welches Wachstum?
Heute stellen immer mehr Menschen die Fragen, die schon in den siebziger Jahren diskutiert wurden, nämlich: Wachstum wozu? Welches Wachstum? Die Antworten liegen angesichts zunehmender öffentlicher und privater Armut und globaler ökologischer Katastrophen auf der Hand. Doch die Staaten im Würgegriff der Finanzmärkte haben nicht mehr die Mittel, das als richtig erkannte auch zu tun. Drei Jahrzehnte wurden verschlafen, beklagt der langjährige Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission.
Nur einen Weg sieht Eppler, um den Bürgern das geben zu können, was sie zu Recht erwarten, nämlich funktionierende Städte, gute Schulen, Sicherheit. „Hätten die Kommunen einige Milliarden mehr in ihren Kassen, so würden sie sofort wieder ausgegeben….Ob dagegen eine Steuersenkung für Multimillionäre den Konsum beflügelt, darf bezweifelt werden.“ So weit waren wir schon einmal, in den siebziger Jahren. Damals war der Slogan „Nur die ganz Reichen können sich einen armen Staat leisten“ Allgemeingut. Heute haben wir, so Eppler, viele reiche Bürger. „Das kann durchaus einhergehen mit riesigen Staatsschulden und einer dürftigen öffentlichen Infrastruktur.“
Wer viel hat, muss mehr abgeben
Seine Antworten, die er immer wieder in Büchern und Aufsätzen gibt: Wer viel hat, muss mehr abgeben, also mehr Steuern zahlen. Und die Bürger müssen – damit es nicht zu einem Flächenbrand durch die frustrierten „Wutbürger“ kommt - stärker und früher an Entscheidungen beteiligt werden, zum Beispiel durch Volksentscheide. Epplers Bilanz der letzten 30 Jahre ist klug, voller Verachtung für diejenigen, die sich den Staat als Beute genommen haben. Sein Buch ist eine Aufforderung an die Menschen, sich ihren Staat zurück zu holen.
Erhard Eppler: "Eine solidarische Leistungsgesellschaft", Verlag J.H.W. Dietz, Bonn 2011, 144 Seiten, 15,90 Euro ISBN 978-3801204228

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Ulrich Wickert und die Werte

Ulrich Wickert, der bekannte Fernsehjournalist, steht für Werte. Das ist sein Thema und darüber hat er nun erneut ein Buch geschrieben, das zur Frankfurter Buchmesse veröffentlicht wurde.
Lesen Sie dazu die folgende Rezension:
Zerstörerische Profite
von Sigmar Gabriel
Ulrich Wickert warnt: Ohne Gerechtigkeit kann Freiheit nicht gelingen. In seinem neuen Buch "Redet Geld, schweigt die Welt" bemisst er den Wert und das Gewicht gemeinsamer Werte.
Wer heute von Anstand, Sitte und Moral spricht, wird schnell in eine konservative Ecke gestellt. Doch Wickert hat ein anderes Verständnis vom Konservativen. Ein Blick in seinen weit angelegten Überblick über die Spannung zwischen Ethik und kurzfristiger ökonomischer Rationalität weist in eine andere, ganz eigene Richtung.
Ulrich Wickerts Haltung ist sozialkritisch, aber von sozialer Sensibilität geprägt. Als konsequenter Republikaner greift er Auswüchse einer gierigen Zurichtung der Welt im Namen der wirtschaftlichen Freiheit an.
Das Primat der Ökonomie und seine Folgen
Eingangs fragt Wickert, warum ein Unternehmer ethisch handeln sollte, wenn ihn das ein Geschäft kostete. Eindeutig zeigt er, wie Unternehmer sich entscheiden: Materieller Gewinn geht fast immer vor, weil die herrschende Wirtschaftslehre das nun mal für die menschliche Natur hält. Die Folgen dieses Primats der Ökonomie füllen die einzelnen Kapitel von Ulrich Wickerts lesenswerter Streitschrift.
Es geht um Alltagsbeobachtungen, nicht Theorie. Das macht Wickerts jüngstes Buch leicht zugänglich und plastisch lesbar. Der leidenschaftliche Journalist liefert zahllose Beispiele für die Zerstörungskraft der Finanzmärkte. Doch für ihn bedeutet das nicht Ohnmacht, sondern konkrete Verhaltensänderung. Wirtschaftlicher Erfolg und Menschlichkeit müssen sich nicht ausschließen. Ganz lebenspraktisch sind Wickerts Beispiele für den Nutzen, den Menschen und Unternehmen aus Gemeinsinn ziehen können.
Sein Fazit: Zu individueller Freiheit gehört Sittlichkeit. Wer frei agieren will, sollte die Freiheit anderer beherzigen. Hier ist Wickert gar nicht altmodisch. Sein Plädoyer für Freiheit weist auf die Bedingung von Freiheit hin: nämlich Gerechtigkeit. Dem kann der Rezensent nur zustimmend folgen.
Ulrich Wickert: "Redet Geld, schweigt die Welt. Was uns Werte wert sein müssen", Hoffmann und Campe, Hamburg 2011, 205 Seiten, 19,99 Euro, ISBN978-3455502244



